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2. Oktober 2018Das Keynes-Geld:
Keynes und die Kryptowährung

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Dr. Klaus Holthausen
CEO bei TEAL
Januar 2018

„Ist eine Kryptowährung Geld oder nicht?“ – seit der Erfindung des Bitcoins vor zehn Jahren wird diese Frage immer wieder diskutiert. Eine Geldeinheit hat im Wesentlichen drei Funktionen: Sie ist ein Tauschmittel, eine Recheneinheit und ein Wertspeicher. Der Bitcoin wird derzeit allerdings vor allem als Investitionsobjekt und somit als Wertspeicher genutzt, wie viele andere Kryptowährungen auch. Damit erfüllt er bisher lediglich eine der drei Funktionen von Geld. Was wird also aus der Vision, dass Kryptowährungen eines Tages ein ganz normaler Bestandteil des Wirtschaftskreislaufs sein werden?

Welche Geldmenge ist wirtschaftlich angemessen?

Für den Euro und Kryptowährungen wie Bitcoin muss die Frage beantwortet werden: Welche Geldmenge einer Währung ist wirtschaftlich angemessen? Mit dem Hayek Geld [1] liegt ein Vorschlag vor, eine stabile Recheneinheit zu schaffen. Die Menge der Krypto-Geldeinheiten werden in diesem Konzept periodisch an die Kaufkraft angepasst. Diese Idee lässt sich zum Beispiel anhand eines vordefinierten Warenkorbs veranschaulichen. Das Ziel wäre dann, den Preis des Warenkorbs, gemessen in der Krypto-Geldeinheit, möglichst stabil zu halten. Fällt der Wert des Krypto-Geldes, werden Geld-Einheiten vernichtet. Steigt der Wert des Krypto-Geldes an, wird das Angebot ausgedehnt und es werden neue Geld-Einheiten geschaffen [2].

Die Geldtheorie von Keynes

Der Vorschlag von Hayek ist interessant, allerdings von der Logik her zu einseitig angesetzt. Wer sich näher mit der Theorie des Geldes von John Maynard Keynes beschäftigt, kann einen besseren Lösungsansatz entdecken. Natürlich wissen wir nicht, wie Keynes die heutigen Kryptowährungen beurteilen würde. Wir können aber seine grundlegenden Prinzipien und auch seine Haltung mit der heutigen Situation abgleichen. Im Kapitel V. des dritten Buchs „Vom Gelde“ behandelt Keynes den Zusammenhang von Bankrate (i.e. Zinssatz) und Geldmenge: „Eine Veränderung der Bankrate kann als solche die Umlaufsgeschwindigkeiten beeinflussen, indem sie das Opfer, das mit dem Halten von Guthaben verbunden ist, verändert. In dem Umfange, wie dies der Fall ist, wird eine Senkung der Bankrate die Geschwindigkeiten vermindern. Andererseits wird … eine lebhaftere Geschäftstätigkeit die Umlaufgeschwindigkeit wahrscheinlich erhöhen. Somit kann eine Diskontsenkung, die von einer Wirtschaftsstagnation begleitet ist, die Geschwindigkeiten vermindern, während eine Diskontsetzung, die mit einem Aufschwung zusammenfällt, sie per Saldo erhöhen kann.“ [3]

Dominierender Faktor für Keynes: Die Geldmenge

Uns interessiert hier im Moment nicht die genaue Beziehung zwischen Geldmenge und Zinsrate. Wir haben die Begriffe „wahrscheinlich“ und „kann“ hervorgehoben, da sie mit den Instrumenten, die Keynes zur Verfügung standen, übereinstimmen: Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Keynes selbst hat mit seiner Dissertation „A Treatise in Probability“ selbst entsprechende Grundlagen gelegt. Um es sehr vereinfacht auszudrücken: Keynes hatte Gleichungen mit sehr viel Unbekannten zu lösen. (Darunter das menschliche Verhalten als größte Unbekannte, siehe unten.) Wegen des Mangels an empirischer Information setzte Keynes also vorrangig auf die Untersuchung der Geldmenge: „Die gesamte Geldmenge [bleibt] wenn nicht der beherrschende, so doch, zum mindesten auf lange Sicht, ein dominierender Faktor, ein Faktor, der deshalb von der größten praktischen Bedeutung ist, weil er am stärksten kontrolliert werden kann.“ [4] (Hervorhebung Keynes)

Nun basiert jede Kryptowährung auf der Blockchain-Technologie. Letztere entspricht einem verteilten, fälschungssicheren Register der Transaktionen. Dies bedeutet aber, dass potenziell sehr umfassende Informationen u.a. zum Geldumlauf und zum Konsum- wie auch zum Sparverhalten der Menschen quasi in Echtzeit gewonnen werden können.

Anders als beim Hayek-Geld, das sich auf die Kaufkraft als Parameter stützt, würde Keynes-Geld eine Vielzahl empirischer Parameter nutzen, die die realwirtschaftliche Nutzung der Krypto-Währung abbilden.

Die größte Unbekannte in der Kryptowährungswelt bleibt der Faktor Mensch

Natürlich bleibt auch im Kosmos der Kryptowährungen der menschliche Faktor noch die größte Unbekannte – vor allem wenn die Marktteilnehmer sich gänzlich anders verhalten als die in den Lehrbüchern angenommenen rationalen Wesen. Liest man den Abschnitt, in dem Keynes das Spekulationswesen beschreibt, fühlt man sich unweigerlich an aktuelle Entwicklungen erinnert: „Solange man sich … darauf verlassen kann, daß die Masse, selbst wenn sie irregeleitet ist, in einer bestimmten Weise handelt, wird es für den Besserinformierten vorteilhaft sein, in der gleichen Weise zu handeln – eine kurze Zeit vorher. Außerdem sind, abgesehen von Berechnungen auf Grund größerer oder geringerer Unwissenheit, die meisten Menschen bezüglich ihrer Investierungen, deren Wertschwankungen so leicht die Ergebnisse fleißiger und ehrlicher Bemühungen zunichtemachen können, zu schüchtern und zu gierig, zu ungeduldig und nervös, um auf lange Sicht zu planen und den Ungewißheiten der langen Sicht wenigstens so viel Vertrauen zu schenken, wie man es vernünftigerweise tun könnte; die anscheinenden Gewissheiten der kurzen Sicht, für wie täuschend wir sie immer halten mögen, sind sehr viel anziehender.“ [5]

Empirische Daten sind der Schlüssel

Und so bleibt eigentlich nur die Schlussfolgerung, möglichst viel empirische Daten über das Verhalten des „Publikums“ zu gewinnen, wie Keynes in seinem Schlusswort einräumt: „Im Falle der Geldwissenschaft ist die Statistik aus einem speziellen Grunde von grundlegender Bedeutung, um die Theorie anzuregen, sie zu verifizieren und überzeugend zu gestalten. Selbst wenn alles gesagt und getan ist, stellt die monetäre Theorie wenig mehr dar als eine umfassende Verarbeitung des Satzes, daß ’sich alles beim Aufwaschen wiederfindet‘. Um das jedoch aufzeigen und überzeugend zu gestalten, müssen wir über alles Bescheid wissen. Daß die Geldmenge, die von den Geschäften über den Ladentisch vereinnahmt wird, in der Summe gleich der Geldmenge ist, die von ihren Kunden verausgabt wird; daß die Ausgaben des Publikums in der Summe mit seinem Einkommen, abzüglich dessen, was es beiseitegelegt hat, übereinstimmt, diese und ähnliche Wahrheiten sind es anscheinend, deren Tragweite und Bedeutung äußerst schwierig zu begreifen ist.“ [6]

Das Keynes-Geld – eine Kryptowährung

Wir definieren Keynes-Geld als eine Kryptowährung, die zur Definition der Geldmenge möglichst viele wirtschaftlich relevante Informationen aus der Blockchain nutzt und diese im Sinne der Regeln von John Maynard Keynes auswertet. Damit sind keine politischen Schlussfolgerungen – wie etwa deficit spending – verbunden. Für uns liegt die Verknüpfung des Datenpools der Kryptowährungen mit der empirischen Geldtheorie im Fokus. Man kann ohne Weiteres die Theorie des Mehrwerts von Karl Marx akzeptieren, ohne seine Schlussfolgerungen zu teilen. Die Theorie einer globalen Krypto-Währung ist noch nicht geschrieben und setzt Jahre der Erfahrung, des Experimentierens und auch gelegentliches Scheitern voraus. Wir bei TEAL sind – wie viele andere auch – davon überzeugt, dass der Trend zu dezentralen Netzwerken unumkehrbar ist und wir deshalb schon heute solche Zukunftsfragen diskutieren müssen. Wir wollen zur Versachlichung beitragen und in unserer Community den Diskurs befördern.

Literatur
[1] Fernando M. Ametrano. „Hayek money: The cryptocurrency price stability solution.“ 2014
[2] Aleksander Berentsen, Fabian Schär, „Bitcoin, Blockchain und Kryptoassets. Eine umfassende Einführung“ 2017
[3] John Maynard Keynes, Vom Gelde (A Treatise on Money) 1931 (unveränderter Nachdruck 1955, August Raabe, Berlin), Seite 177
[4] a.a.o. Seite 334
[5] a.a.o. Seite 589
[6] a.a.o. Seite 626