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27. Februar 2020KI-Strategie der EU: Grenzenlose Daten für die Digitalindustrie

Am vergangenen Mittwoch stellte die EU die erste europäische KI- und Datenstrategie vor. Diese macht deutlich: Um den Rückstand zu den USA und China aufzuholen, bedarf es einen grenzenlosen Markt für Daten. Unternehmen und Verwaltungen müssen in der Lage sein, so viel es geht aus ihren Datenschätzen herauszuholen – ohne auf US-Anbieter angewiesen zu sein.
Schauen wir auf die jüngere Historie der europäischen Wertegemeinschaft zurück, so wurde Regulation vor allem als Mittel gegen die Vormachtstellung der US-Superkonzerne Google und Facebook gedacht (das Leistungsschutzrecht oder die Datenschutzgrundverordnung, um nur zwei Beispiele zu nennen) – ausgewirkt hat sie sich meiner Meinung nach aber oft eher zum Vorteil dieser Unternehmen. Denn während die US-Konzerne ihre AGB und Bedingungen für Datenweitergabe anpassten und sich mit weiteren ihr Monopol stärkenden Maßnahmen wie dem kommenden Third-Party-Cookie-Verbot im Chrome Browser auf den Schutz der User berufen, hat die europäische Digitalwirtschaft ein Mehr an Bürokratie und Limitationen aufgebürdet bekommen, das ihnen den Wettlauf mit Google und Amazon noch zusätzlich erschwert. Damit soll jetzt dank der Datenstrategie der EU-Kommission Schluss sein.

Europa als globaler Datenhub
„Europa kann bei der Nutzung und Verarbeitung von Daten an der Weltspitze mithalten“, sagte Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt auf der Digitalkonferenz DLD in München Ende Januar. „Wir sitzen auf einem enormen Schatz von nicht-personenbezogenen Daten, von europäischen Daten, die wir für die europäische Wirtschaft verfügbar machen wollen“, so Breton. Der Wettlauf um die Daten sei nicht verloren. Europa soll zum globalen Datenhub werden – die neue Strategie wird dazu verhelfen. Laut der Europäischen Kommission werden bereits 25 Prozent aller Industrie- und professionellen Serviceroboter in Europa hergestellt. Und über 50 Prozent der führenden europäischen Hersteller nutzen KI. In den nächsten Jahren möchte die Europäische Union 20 Milliarden Euro jährlich in KI investieren. Als Vergleich: Im Jahr 2016 waren es gerade einmal 3,2 Milliarden Euro.

Um die Abhängigkeit zu den USA aufzulösen, soll mit der EU-Strategie ein Daten-Binnenmarkt geschaffen werden. Dabei werden, wie etwa beim EU-Binnenmarkt für Waren, Landesgrenzen nicht mehr den Zugriff auf Daten abhalten. Genau das ist wichtig, denn Überregulierung behindert laut der European Tech Alliance (EUTA) Innovationen und Investitionen in künstliche Intelligenz. Die EUTA ist eine Gruppe von Tech-Unternehmen, die etwa das Thema KI in Europa vorantreibt und Experte auf dem Gebiet aus allen Wirtschaftsbereichen ist.

Die Digitalbranche braucht Schutz und Freiheit
Europa kann mit der derzeitigen Fassung der E-Privacy-Verordnung laut EUTA kein Vorreiter in künstlicher Intelligenz werden kann. Mit der neuen EU-Strategie stehen die Zeichen hoffentlich auf Neuanfang. Denn nur dann können Unternehmen KI gezielt und ohne unnötige Hindernisse einsetzen, um den Kunden auf seine Interessen zugeschnittenen Angebote und Services zu bieten.

Die von der EU präsentierte Daten- und vor allem die KI-Strategie verspricht ein nötiges Ausbalancieren von Wirtschaftsinteressen, Schutz der Privatheit des Einzelnen und kollektiver Angst vor dem Kontrollverlust über die eigene Kreation, das potenzielle Monster KI. Die heute vorgestellte Strategie unterstreicht ein Umdenken der EU hin zu Freiheit und Selbstverantwortung – für die Digitalindustrie mindestens genauso bedeutend wie für Nutzer, die durch bisherige Vorstöße der EU zwar mehr Schutz, aber nicht mehr Kontrolle über den Umgang mit ihren Informationen erhielten.

Europäischen Datenschatz sinnvoll und ausgiebig nutzen
Fakt ist: Datenhoheit und Souveränität sind die Leitwerte der Stunde, und davon profitieren werden Akteure, die Dinge anders machen wollen. Neue KI-Anwendungen, die intelligent mit öffentlich verfügbaren Daten statt mit Personenprofilen arbeiten. Auf einer Blockchain umgesetzte Anwendungen, die dem Nutzer mehr Entscheidungsgewalt und tatsächliche Kontrolle über den Einsatz seiner Daten ermöglichen und ihn zu einem Teilnehmer der digitalen Wertschöpfungskette statt zu einem Produkt machen. Und dadurch schlussendlich die europäischen Konsumenten.

Laut der Europäischen Kommission verdoppelt sich alle 18 Monate das Volumen der weltweit produzierten Daten. Die Menschheit produziert etwa 40 Zettabyte an Daten. Das sind 40 Milliarden Terabytes. Im Jahr 2025 werde das meiste davon nicht mehr von Menschen generiert, sondern von Maschinen. Für Europa als den größten Industriemarkt ist das eine große Chance.

In ihrem Buch „Die großen Neun“ skizziert Amy Webb drei mögliche Szenarien für die Entwicklung der globalen Digitalindustrie: ein optimistisches, ein dystopisches und ein moderates Szenario. Zu Ersterem trägt die Staatengemeinschaft mit ihrer Strategie hoffentlich die Weichen, indem sie ein Framework schafft, dessen Kern die Souveränität des Individuums in unserem Informationszeitalter ist.