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10. März 2020Kryptowährungen und Nachhaltigkeit

Wir leben in spannenden Zeiten: Denken wir über die Zukunft nach, sehen wir uns zugleich mit Katastrophen und inspirierenden Utopien konfrontiert.
Zum einen sieht es sehr danach aus, dass die Weltgemeinschaft die in der Pariser UN-Klimakonferenz vereinbarten Ziele nicht erreichen wird. Dabei gilt es, eine Klimakatastrophe abzuwenden und dessen ist sich die Politik zunehmend bewusst. Greta Thunberg hat eine weltweite Bewegung ausgelöst, die vor allem in Europa die politische Agenda zunehmend bestimmt und uns allen einen noch utopischen Weg durch die Klimakrise zeigen soll.

Zum anderen hat die globale Banken- und Finanzkrise als Teil der Weltwirtschaftskrise ab 2007 deutlich gemacht, wie fragil der Finanzsektor aufgestellt ist. Eine utopische Antwort auf diese Instabilität stammt von der mysteriösen Persona Satoshi Nakamoto. Er präsentierte die Lösung für ein Computernetzwerk, das selbstorganisiert eine Währung generiert und verwaltet. Die Infrastruktur nennt sich Blockchain, die Währung Bitcoin.

Was beide Themen gemein haben? Die jeweilige Utopie hat das Potenzial, das derzeitige und für die Katastrophe mitverantwortliche Modell durch ein gesünderes und nachhaltiges abzulösen. Wie das genau für den Finanzmarkt aussehen kann, erklärt dieser Text. Denn Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus – das sollte inzwischen jedem bewusst sein.

Kryptowährungen: Fantasie und Wirklichkeit einer großen Idee
Inzwischen gehören Kryptowährungen längst zum Alltag. Warum sprechen wir dann noch immer von einer Utopie? Eine Utopie meint heute ein unwirkliches Wunschbild, kommt aber vom altgriechischen ou topos (οὐ τόπος): etwas, das keinen Ort hat, das nicht verortet werden kann. Solange also Nakamotos Vision nicht mit den ökonomischen Bedingungen der Weltwirtschaft in Einklang gebracht ist, bleibt noch ein Delta zwischen Utopie und Realität.
Diese Lücke beginnt sich zu schließen. Jüngst hat die EZB-Chefin Christine Lagarde die Bedeutung von virtuellen Währungen mit festen Wechselkursen (Stablecoins) betont: Angesichts der Entwicklung der Kryptowelt „sind wir besser einen Schritt voraus, da es dort draußen eindeutig eine Nachfrage gibt, auf die wir reagieren müssen“. Die EZB sieht in der Währung also ein Potenzial für die Weltwirtschaft, das das bisherige Wertesystem nicht abdecken kann: Einen nachhaltigeren Angang.

Nachhaltige Finanzsysteme – ist das möglich?
Der Begriff der Nachhaltigkeit bezieht sich nicht nur auf den Klimawandel. Welche Werte vertreten die Anhänger von Fridays for Future, also die Generation Greta? Zusammen mit deutz produktionsstudios GmbH haben wir uns die Lebenswelt dieser Menschen in den sozialen Medien angesehen und daraus das soziale Genom, das digitale Abbild ihrer Lebenswelt, berechnet. Das Moodboard zeigt die wesentlichen Merkmale:

Dieses Board zeigt: Wir haben es mit Menschen zu tun, die sich intensiv mit seriösen Informationsquellen beschäftigen und nicht nur über nachhaltigen Konsum sprechen, sondern tatsächlich ihre Verhaltensweisen anpassen. Noch steht dabei zwar die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens im Fokus, doch der Diskurs nimmt bereits die Nachhaltigkeit der Weltwirtschaft und des Finanzsystems ins Visier.

Wie nachhaltig ist denn nun „die“ Finanzwirtschaft – und wie nachhaltig kann sie werden? Dazu müssen wir uns dem Begriff der Nachhaltigkeit nähern. Er meint, dass sich alle Zusammenhänge in gesunden selbstorganisierten Systemen auseinander speisen müssen. Ein solches selbstorganisiertes System ist beispielsweise unser Blutkreislauf: In einem gesunden Körper kommt es nicht zu Überschüssen und Unterversorgungen, die das Gesamtsystem gefährden, das System reguliert sich selbst.

Wer in Sachen Kryptowährung an Nachhaltigkeit denkt, dem fällt zunächst zwar der Energieverbrauch der Computernetzwerke für die Produktion und Aufrechterhaltung des Wertsystems ein. Der Bitcoin beispielsweise wird dafür gern kritisiert, längst gibt es aber bessere Alternativen. Auf diese Mechaniken setzt übrigens TEAL. Übertragen wir aber den Nachhaltigkeits-Gedanken wirklich auf die Weltwirtschaft, können wir viel weitreichendere Fehldesigns identifizieren. Einer der interessantesten Denker in diesem Zusammenhang ist meiner Meinung nach John Maynard Keynes. Er stellte unter anderem eine Alternative für einen der legendärsten Fehlschläge eines Finanzsystems vor.

Scheitern vorprogrammiert: Das nicht-nachhaltige Finanzsystem in Bretton Woods
1944 wurde in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire ein globales Währungssystem mit dem Dollar als Ankerwährung beschlossen. Dazu wurde für Jahrzehnte der Goldpreis in US-Dollar festgelegt. Die anderen Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, die Wechselkurse ihrer Währungen in festen Grenzen zu halten.

Diese Vorgehensweise bildet aus verschiedenen Gründen nicht das Denken in selbstorganisierten Systemen ab: Zwar ist Gold eine stabile Währungsbasis. Allerdings wird diese Basis fest an eine einzige, nationale Währung geknüpft. Zwischen dem Dollar und jeder anderen Währung wird der Wechselkurs dann auch nicht auf einem Markt entschieden, bei dem Angebot und Nachfrage eine Rolle spielen. Ebenso werden realwirtschaftliche Gegebenheiten wie die Außenhandelsbilanz vernachlässigt. Kurzum: Wesentliche Einflussfaktoren unterliegen im Zeitverlauf großen Schwankungen, das System passt sich aber nicht daran an.

Die Fehler des Systems zeigten in den 70er Jahren ihre Konsequenzen. Im Dezember 1972 wurde der Dollar rapide abgewertet. Die Folge: Die Deutsche Bundesbank verzeichnete dadurch eine Abwertung ihrer Sicherheitseinlagen – und war plötzlich, ganz ohne eigenes Zutun, überschuldet. Binnen einer Woche, vom 2. bis zum 9. Februar 1973, musste die Deutsche Bundesbank rund sechs Milliarden Dollar gegen etwa 20 Milliarden Mark ankaufen, um den Kurs der US-Valuta zu stützen. Diese Devisensumme schützte die Bundesbank vorm Bankrott (Quelle: DER SPIEGEL 12.02.1973).

Keynes nachhaltige Alternative
Zu diesem und weiteren Finanzkollapsen hätte es allerdings nicht kommen müssen, denn John Maynard Keynes hatte seinerzeit in Bretton Woods eine Alternative vorgestellt. Er präsentierte einen Plan für eine Weltwährung (Bancor), die die Funktion einer Verrechnungseinheit hatte. Dabei sollten Ungleichgewichte zwischen den Partnerländern durch einen symmetrischen Mechanismus, der sowohl Gläubiger als auch Schuldner einbindet, reduziert werden. Überschüsse, also übermäßiger Erfolg, wären nämlich ebenso bestraft worden wie Unterperformance. Keynes Bancor-Plan verfolgte das Ziel einer stabilen Weltwirtschaft und ergab nur aus einer globalen Perspektive Sinn, bei Bretton Woods profitierten vor allem bestehende Wirtschaftsmächte. Dieser Vorschlag war für die Weltmacht USA 1944 aus nationaler Sicht unattraktiv. Das Bancor-Modell kam also nie zur Anwendung.

Wir können zwar nicht sagen, was aus dem Bancor-Plan geworden wäre. Es stellt sich die Frage, ob der Mechanismus hinreichend flexibel gewesen wäre, um globale realwirtschaftliche Schwankungen tatsächlich zu aufzufangen.

Sprung ins Jetzt: Die Token Economy als selbstorganisiertes System
Aber: Das damals undenkbare Bancor-Modell ist heute möglich, in der Token Economy. Geld kann heute mit Intelligenz ausgestattet werden, die einen Ausgleich von Ungleichgewichten automatisiert erlaubt. Es gibt bereits zahlreiche solcher Lösungen, bei denen Kryptowährungen mit Computerprogrammen, die vertragsähnliche Regeln ausführen (sogenannte Smart Contracts), kombiniert werden.

Sehen wir uns das an einem Beispiel an: China exportiert ein Elektroauto in die USA. Durch diese Transaktion vergrößert sich der Außenhandelsüberschuss Chinas. Dies hat aber keine Konsequenzen auf den Wechselkurs von Dollar und Yuan. Heute entspricht ein Yuan 0,14 US-Dollar.

Ökonomisch sinnvoll wäre es, wenn nun die Exportwährung, beispielsweise ein Krypto-Yuan, entsprechend des Außenhandelsüberschusses aufgewertet wird. In Folge dessen verteuern sich chinesische Produkte beziehungsweise US-Produkte werden günstiger. Die Chancen auf Exporte aus den USA steigen in der Weltwirtschaft. Lassen wir also den Kurs minimal steigen: Ein Krypto-Yuan entspricht nun 0,140000000000000000001 Krypto-Dollar. Der Käufer des Autos bindet den Kaufpreis in Krypto-Dollar an einen smart contract, an den auch der Verkäufer mit Krypto-Yuan gebunden ist. Die Transaktionsgebühr zwischen beiden Seiten funktioniert nun wie ein Zoll. Das klingt kompliziert, ist aber deutlich wertstabiler als unser fragiles Wirtschaftssystem. Und aus technischer Sicht ist es überraschend einfach.

Das Ergebnis wären dabei keine Stablecoins im engeren Sinne, sondern Fließgleichgewichte zwischen Kryptowährungen. Aber vielleicht wäre auch dies nur eine Übergangsphase hin zu einer weltweiten Krypto-Bancor-Währung. Übertragen auf den Blutkreislauf wären die zwei Währungen wie rote und weiße Blutkörperchen. Kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen den beiden, schalten sich die Smart-Contract-Programme wie Enzyme im Blut ein und regulieren es. So gewinnt weder die eine Seite, noch die andere – das Blut gerinnt weder, noch wird es zu dünn.

Wir sehen also, dass Kryptowährungen ein neues, nachhaltiges Wirtschaftssystem ermöglichen können – und das sogar weitreichend autonomer als es sich John Maynard Keynes je erträumt hätte. In jedem Fall kommen wir der Lösung eines zentralen Problems nach Keynes näher:
„Wir brauchen eine sachgemäße und anerkannte Methode zur Bestimmung der relativen Wechselkurse der nationalen Währungseinheiten, so dass einseitige Aktionen und konkurrierende Abwertungen verhindert werden.“ (JM Keynes, Collected Writings Vol. 25, Cambridge 1980, S. 168 – 195).

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