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2. Oktober 2018Die Schumpeter-Blockchain

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Dr. Klaus Holthausen
CEO bei TEAL

Die Schumpeter-Revolution ist da, Blockchain sei Dank! Die Blockketten-Technologie kann noch viel mehr als Bitcoin, als dessen Basis sie bisher vor allem bekannt ist. Allerdings ist das Thema Blockchain komplex. So komplex, dass es sich nicht für die Titelseite einer Boulevard-Zeitung eignet. Noch nicht. Denn die wirtschaftliche Bedeutung von Blockchain ist so groß, dass die Grundidee auf jeder Brötchentüte für jeden erklärt werden müsste. Bis das soweit ist, versuche ich die ökonomische und soziologische Einordnung mit Joseph A. Schumpeter im Rahmen eines Blogposts. Seine kongenialen Arbeiten faszinieren allein durch ihre erstaunliche Nähe zum Blockchain-Ansatz.

Mit der Blockchain rückt der Mensch in den Mittelpunkt

Das Revolutionäre an dem dezentralen technologischen Blockchain-System sind die intelligenten Vernetzungen. Sie ermöglichen beliebig komplexe fälschungssichere Transaktionen von Mensch zu Mensch. Zwei Millionen Jahre nach der Erfindung der Sprache durch den Homo erectus wird nun das Internet intelligent. Noch setzen sich hauptsächlich Insider mit dem Thema auseinander. Sie tauschen sich in speziellen Foren aus und machen die gewonnen Informationen in Form von Bitcoin, Ether & Co. zu Gewinn. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Mehrheit der Bevölkerung von der Technologie profitiert. Schließlich rückt mit der Blockchain der Mensch in den Mittelpunkt. Zentrale Server haben ausgedient und die Nutzer bekommen durch die dezentrale Struktur die Möglichkeit, die Kontrolle über ihre Daten zurückzuerlangen. Die Vormachtsstellung bisher tätiger Monopolisten gerät schon heute ins Wanken. In zehn Jahren werden Blockchain-Anwendungen viele der heutigen Global Player in die Ecke gedrängt haben.

Die Veränderungskraft der Blockchain ist gewaltig

Die Veränderungskraft der Blockchain-Technologie ist enorm. Volkswirtschaftlich und soziologisch lässt sich die Bedeutung gut mit den Theorien Schumpeters einordnen. Er gilt als einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Kaum jemand hat sich gleichzeitig so intensiv mit dem Marxismus und dem Ideal des Unternehmers beschäftigt wie Joseph A. Schumpeter (1883-1950). Seine These, der Kapitalismus beruhe auf „schöpferischer Zerstörung“, ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden. Und sie ist aktueller denn je.

Sind Zuckerberg, Musk und Page idealtypische Unternehmer nach Schumpeter?

Der Unternehmer als Träger der Volkswirtschaft ist in den Theorien Schumpeters zentral. Aber sind Internet-Pioniere wie Larry Page, Elon Musk oder Mark Zuckerberg idealtypische Unternehmer im Sinne von Schumpeter? Die Antwort lautet „jein“. Als Treiber von Innovationen, nach Schumpeter die Existenzberechtigung des Unternehmers, hätte er mit den drei Persönlichkeiten sicher sympathisiert. Doch was ist mit den Unternehmen? Sind Internetkonzerne wie zum Beispiel Google oder Facebook im Schumpeter’schen Sinne „vertrustet“? Fest steht, dass die technologische Infrastruktur der beiden Unternehmen noch lange nicht Blockchain-kompatibel ist. Noch ist es üblich, Dienstleistungen im Internet durch Werbung zu finanzieren. Bei Blockchain-Anwendungen sind es die Transaktionen, mit denen das Geld verdient wird. Im Bereich der IP ist es ähnlich. Während sich Amazon als Suchmaschinen-Innovator versucht, spannt Google den Kokon um das Patent von 1998 immer enger, ohne disruptiv ausbrechen zu können.

Die Blockchain führt zu einer Neuorganisation der Märkte

Das Prinzip der wirtschaftlichen Innovation, so Schumpeter, ist eine neue Kombination von Produktionsfaktoren mit den fünf Falluntersuchungen wie der Produktion neuer oder besserer Güter, neuer Produktionsmethoden, neuer Märkte, neuer Lieferquellen oder der Neuorganisation von Märkten. Die Blockchain handelt vorrangig von letzterem, der Neuorganisation der Märkte. Die „Durchsetzung des Neuen“, die nicht gleichmäßig, sondern in „zeitlichen Sprüngen“ erfolgt, ist laut Schumpeter der Kern modernen Wirtschaftens. Erst die Innovation erzeuge den eigentlichen Unternehmergewinn. Das macht sie zur Kernfunktion des Unternehmertums. Was könnte disruptiver sein?

Schumpeters intensive Studie des Marxismus ist keinesfalls als Wertschätzung oder Bewunderung zu verstehen. Vielmehr ist sie die Einordnung einer Bedrohung. Im Kern geht es ihm darum, dass ein Kapitalismus, der eine „vertrustete Wirtschaft“ hervorbringt, an Innovationskraft einbüßt. Eine objektive Transformation der Ideen Schumpeters vom Jahr 1929 ins Jahr 2018 ist natürlich nicht möglich. Vor allen auch deshalb, weil es Firmen wie Facebook, Google, Uber und Airbnb zu seiner Zeit nicht gab. Dennoch sollten sich auch Firmen dieses Kalibers seiner brillanten Analyse stellen, denn viele seiner Betrachtungen haben prophetischen Charakter, wie diese Passage von 1929:

„Es wäre früher eine Unternehmertat gewesen, wenn der führende Mann des größten Telephonsystems der Welt – das eine Privatunternehmung ist – im richtigen Zeitpunkt zur Automatisierung des Telephondienstes übergegangen wäre. Heute hat er ein nationalökonomisches Bureau. Und dieses sagt ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit voraus, dass in zehn bis zwölf Jahren in New York ein Mangel an Telephonbeamtinnen eintreten wird, und die Automatisierung wird ihrerseits automatisch in Angriff genommen. […]. Noch blickt der durchschnittliche Geschäftsmann auf [die rechnenden Methoden] wie der Droschkenkutscher auf das Automobil, im Grunde überzeugt, dass diese Maschine nie praktische Bedeutung gewinnen könne [aus Joseph A. Schumpeter, Schriften zur Ökonomie und Soziologie, Seite 93]

Die Ressource Blockchain steht Deutschland seit 2000 zur Verfügung

Man muss nur an VW denken und schon springt die Aktualität dieses Zitats ins Auge. Ein Land, das mit SAP nur ein einziges global relevantes IT-Unternehmen vorweisen kann, sollte die Herausforderung durch die Blockchain-Revolution weit oben auf die Tagesordnung setzen.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist die Nähe des Blockchain-Ansatzes zu Modellen der Selbstorganisation interessant. Auch Schumpeter nutzte gern Metaphern aus der Anatomie, wenn der die Weltwirtschaft als „Organismus“ und „etwas Lebendiges“ beschreibt. In seinen „Schriften zur Ökonomie und Soziologie“ führt er weiter aus: „Was wir unwissenschaftlich ökonomischen Fortschritt nennen, bedeutet im wesentlichen, produktive Ressourcen bisher in der Praxis unerprobten Verwendungen zuzuführen.“

Die „Ressource Blockchain“ steht der Bundesrepublik Deutschland seit 18 Jahren zur Verfügung. Im August 2000 lieferte Stefan Kost mit seiner Diplomarbeit „Sichere Log-Dateien auf Grundlage kryptographisch verketteter Einträge“ an der TU Braunschweig einen intellektuellen Meilenstein, der in einer Liga mit dem Google/Stanford-Patent von 1998 einzuordnen ist. Doch Wirtschaftminister war seinerzeit Werner Müller, ein ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Ruhrkohle AG. Mit fossilen Brennstoffen den Klimawandel sozialverträglich zu befördern, war politisch höher priorisiert, als den Grundstein für ein deutsches Silicon Valley zu legen.

Bleibt die Frage, wie der Staat mit dem Quäntchen Unsicherheit umgehen soll, die jede Revolution mit sich bringt. Auch darauf hat Schumpeter eine Antwort: „Solange die industriellen Kreise tatsächlich die treibende Kraft der Wirtschaft sind und es ein anderes Organ für die Erfüllung dieser Funktion nicht gibt und geben kann, kann staatliche Regelung im allgemeinen nicht mehr sein als bestenfalls ein ‚geringeres Übel’.“ [Seite 101].

Das Team von TEAL ist überzeugt, dass die Kombination einer Schumpeter-Blockchain mit der Ökonomie eines John Maynard Keynes eine sozial verträgliche Innovation im Sinne Schumpeters bestens abbildet.